Erinnerungen in Gedanken

Sonntagmorgen, 3. August 2008

Mit gemischten Gefühlen fand ich mich heute Morgen zum ersten Mal seit dem Brand beim St. Urs ein. Das Bild, das sich mir bot, machte das letzte Fünkchen Hoffnung zu nichte, dass alles doch nicht so schlimm sein konnte, wie man sich im Dorf erzählt. Betroffen setzte ich mich auf dem Schulhausplatz vis à vis der Brandruine neben einen langjährigen Biberister Fasnächtler. Erinnerungen an die schönen Zeiten im St. Urs wurden ausgetauscht. Nicht grundlos war der St. Urs die Narrenhochburg der Dorffasnacht. Hier wurde der Grundstein für die heutige Biberister Fasnacht gelegt. Der Gründer unserer Fasnacht, Willi Begert, war hier schliesslich der Gastwirt und unter seinem Dach fand so mancher kultureller Anlass statt.

Ich starrte in die verkohlten Balken und schwarzen Bretter, die bizzar im ehemaligen Saal umherlagen. Ich war doch erst vor wenigen Wochen noch im Saal oben, war auf der Bühne, war hinten in der Garderobe, wo die allererste Bütte ein einsames Dasein fristete. Diese Bütte musste einer grösseren weichen, da sie für Redner zu klein und zu unpraktisch war. Wahrscheinlich würde man noch ein paar eiserne Reifen von der ersten Bütte in den noch immer rauchenden Trümmern finden. Und da kamen Erinnerungen hoch, schöne Erinnerungen. Wie oft wohl wurde das Publikum am Hilariabend aus dieser ersten Bütte begrüsst. Die gute alte Bütte, aus der unser Bannwart Aschi sel. so manche Büttenrede hielt, dass man Tränen in den Augen hatte vor lauter Lachen, war auch ein Opfer der Flammen geworden.

Für die älteren Fasnächtler ist der St. Urs der Inbegriff der Fasnacht. Hier entstand auch der bereits erwähnte Hilari-Abend, wie er in der heutigen Form noch abläuft. War der 13. Januar früher eher eine Hauptversammlung der Dorffasnacht, machten die damaligen beiden Fasnächtler, Hans Bracher sel. und Hugo Gygax sel. mit ihren lustigen Einlagen den Hilari zum Unterhaltungsabend. Jetzt musste ich aber feststellen, die Narrenhochburg der Dorffasnacht Biberist ist weg, einem Raub der Flammen zum Opfer gefallen. Die Gaststätte, wo ich über Einviertel-Jahrhundert viele, viele schöne und unvergessliche Stunden mit Fasnächtlern verbracht hatte existiert einfach nicht mehr.

Rebecca Spörer

Ich musste aber auch an Rebecca Spörer und ihren Mann denken, das junge Wirte-Ehepaar, das von einem Tag auf den anderen vor dem Nichts stand.

Während ich so meinen Gedanken nachhing, hatten sich weitere Personen auf dem Platz eingefunden. Die Betroffenheit war den Leuten anzusehen. Es waren nicht einfach Gaffer, auch diese Personen, von jung bis alt, hatten ihre Erinnerungen an den St. Urs. "Vor 35 Jahren habe ich hier im St. Urs geheiratet", hörte man sagen. Oder: "Als der Keller, die Bar, gebaut wurde, habe ich noch mitgeholfen". Man merkte, ein Stück Kultur, ein Stück Biberister Geschichte liegt vor unseren Augen in Schutt und Asche.

Als ich gerade den Weg nach Hause unter die Füsse nahm, begegnete ich noch einem ehemaligen Wirt vom St. Urs, Ulrich Bucher. Er offenbarte mir, dass er seit langem nicht mehr so viel in Biberist war, wie seit gestern, seit er von der Tragödie erfuhr. Man spürte, dass auch bei ihm mit dem Brand des St. Urses ein Stück Lebensgeschichte in Trümmern liegt.

Wirtshausschild St. Urs

Kurz bevor die Brandwache der Feuerwehr Biberist den Brandplatz am Sonntag gegen Mittag verliess, entfernte sie das stolze Wirtshausschild. Eigentlich eine kleine Tätigkeit am Rande ob all dem Geschehenen. Aber mir kam zum Bewusstsein, das ist das Ende, das Aus für unsere Narrenhochburg, der St. Urs ist tot.

Eine junge Mutter hat mir gestern Abend folgendes erzählt. Ihr Töchterchen Nadine, das nächste Woche in den Kindergarten geht, habe sie beim Anblick der Brandruinen folgendes gefragt: "Du Mami, wo tanze mir de ar nöchschte Fasnacht?"

Biberist, anfangs August 2008 - Werner Jäggi, Ehren-Obernarr